Jim Rakete

Über Jim Rakete

Bei seiner Arbeit begleitete die Dokumentarfilmerin Claudia Müller im vergangenen Jahr den Fotografen. Als Gastautorin blickt die Regisseurin in einem persönlichen Beitrag auf die gemeinsame Arbeit zurück.

Wie porträtiere ich einen Porträtmacher? Mit dieser Frage wurde ich Anfang 2007 konfrontiert, als ich den Auftrag erhielt, ein Filmporträt über den Fotografen Jim Rakete für die Arte-Reihe Mein Leben zu realisieren. Bildmaterial gibt es bei einem Fotografen ja reichlich, aber wie nähere ich mich der Person an? Wie bei einem guten Still ist bei einer Dokumentation nicht nur das Framing entscheidend, sondern auch die hohe Kunst des Weglassens. Über Raketes Leben gibt es viele Geschichten zu erzählen, aber um ihn zu begreifen, musste ich vor allem das herausfinden, was ihn momentan umtreibt. Schon während der Recherche wurde mir klar, dass ich seine vielen Tätigkeiten, wie zum Beispiel als Musikmanager und Entdecker von Nina Hagen, Nena, Spliff und vielen anderen Musikgrößen, nicht in 43 Minuten erzählen kann. So musste ich das Brennglas auf das Hier und Jetzt legen und konnte die Vergangenheit lediglich streifen.

Es war kein Zufall, dass Jim Rakete gerade seine Bildreihe „1/8 sec.“ vorbereitete. Seine Aufgabe, die Produktion von Bildern für eine Ausstellung und einen begleitenden Katalog, wurde für die Zeit meines Filmens auch meine. Jim Rakete begab sich auf eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit. Ausgerüstet mit seiner alten Linhof-Plattenkamera wollte er herausfinden, was ihm die analoge Fotografie gegeben hat und „welche Wahrheiten in der klassischen Fotografie stecken“. Der Untertitel seines Projekts „Vertraute Fremde“ bezog sich auf die Auswahl der von ihm Porträtierten. Dieser wunderbare Widerspruch ergab sich aus der Wiederbegegnung mit vertrauten Menschen, Freunden, die Jim Rakete über viele Jahre hinweg immer wieder fotografiert hatte, und mit Unbekannten, die seine Neugier weckten, also mit Vertrauten und Fremden.

Das Besondere an diesen Wiederbegegnungen war, dass er es schaffte, die Vertrauten wieder wie Fremde zu betrachten und damit einen Moment zu erzeugen, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinander prallten. So entstand etwas völlig Neues, was vor allem daran liegt, dass Jim Rakete den Bildern misstraut, auch seinen eigenen. Während seiner Aufnahmen gelingt es ihm, eine innere Distanz zu entwickeln und sich von seinem inneren Bild einer Person zu lösen. In einer achtel Sekunde, der Verschlusszeit der Linse seiner Kamera, übertrug sich das, was zwischen ihm und der Person passierte. Ein weiteres Geheimnis seiner Kunst ist, Menschen das Gefühl von Geschützt sein zu geben, obwohl die Porträtierten in diesem Moment wissen, dass sie ausgeliefert sind. Wer sich von Jim Rakete fotografieren lässt, weiß, dass es kein Versteck gibt, weiß, wonach er sucht und dass er meist etwas findet, was anderen Fotografen entgeht. Dabei stilisiert oder entlarvt er nicht, sondern geht viel feiner vor.

Für meinen Film durfte ich Jim Rakete fünf Tage lang bei seiner Arbeit begleiten. Das ist nicht viel für einen Film von 43 Minuten Länge. Da Jim Rakete seinem Namen alle Ehre machte und äußerst schnell arbeitete, war die Ausbeute dennoch groß. Der erste Drehtag war schwierig. Die Aufgabenstellung lautete, eine „begleitende Beobachtung“ zu machen, was für meinen Kameramann bedeutete, so viel wie möglich von der Situation des fotografischen Prozesses festzuhalten, manchmal aber auch einfach nur draufzuhalten. Mit einer Art drittem Auge fühlte Jim die Kamera in seinem Nacken und ich wiederum spürte, dass dies für ihn unerträglich war. Gerade weil er selbst ein Profi ist, entging ihm nichts, was wir taten. „Ich bin kein Sammler, ich bin Jäger“, sagte er mir in einem Interview für den Film. So begriff ich, wie schwer es für ihn sein musste, plötzlich der Gejagte zu sein. Das Einzige, was diese Situation retten konnte, war Vertrauen. Jim hatte meinem Film zugesagt, und nun musste er es einfach geschehen lassen. Das tat er dann auch.

Während der Dreharbeiten wurde mir klar, was das wirklich Besondere an diesen kurzen Begegnungen zwischen ihm und seinen Porträtierten ist. Nach außen wirkt die Situation zunächst banal. Ein Mensch setzt sich auf einen Stuhl, lehnt sich irgendwo an und blickt in die Kamera. Der Fotograf gibt ein paar minimale Anweisungen, es macht „klick“, und das war’s. In Wirklichkeit jedoch passiert etwas viel Größeres: Es ist nicht der mythologisierte Moment des Framings, nicht das Klicken der Kamera, nicht der Schuss. All dies sind nur Teile eines langen Prozesses einer Beobachtung, die sich verdichtet. Darin liegt die Kunst, darin, dass es dem Fotografen gelingt, all diese Beobachtungen in nur einem Bild zu verdichten.

Jim Rakete leidet, wie er sagt, unter dem „Dilemma der Einengung“. Mit seiner Kamera ist kein Schwenk möglich, auch kann er nicht erzählen, was neben und hinter der Kamera passiert. Dieses „Gefängnis“, das ihn zur Reduktion auf einen Bildausschnitt zwingt, ist auch ein Segen. Durch den empfundenen Mangel bringt er sich viel mehr selbst in seine Bilder ein, ohne sichtbar zu werden: Er gräbt sich in die Tiefe des Bildes ein. Da sein Gegenüber dies in den meisten Fällen spürt, entsteht ein Moment, den man „Wahrheit“ nennen könnte.

Der Schauspieler Otto Sander sagt in meinem Film über ihn: „Bei Jim hat man immer das Gefühl, man schenkt ihm was. Und er nimmt es dankbar an.“ Wenn man seine Bilder aus diesem Blickwinkel betrachtet und die Geschichten, welche die Gesichter der Porträtierten erzählen, hört, kann man sich sein Werk auf wunderbare Weise erschließen. Für mich persönlich sind seine Fotos keine bloßen Abbilder von Personen, sondern Kunstwerke, die von Momenten großer Verletzbarkeit erzählen, und die schon längst ins Museum gehören. Wenn es mir jemals gelingen würde, all das, was ich während der Arbeit mit Jim Rakete gelernt habe, auf meine Filmporträts anzuwenden, bei denen mir bewegte Bilder, Sprache, Musik und alle möglichen technischen Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, wäre ich mehr als froh. Vorerst bin ich aber dankbar, dass ich bei einigen unwiederbringlichen Momenten dabei sein durfte. Und wenn ich mir Jim Raketes Fotos in der Ausstellung ansehe, fängt bei mir ein neuer Film an ...

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